Artikel von Paul-Erwin Oswald aus der GeflügelZeitung 12|2025
Rassegeflügel ist weit mehr als ein „Zuchtprojekt“ oder ein „nostalgisches Hobby“ – es ist ein
lebendiges Archiv unserer agrarischen Kulturgeschichte und eine genetische Ressource von
unschätzbarem Wert. Als „Genbank der Nutzgeflügelzucht“ erfüllt es eine zentrale Aufgabe:
den Erhalt und die Weitergabe ursprünglicher, robuster und vielfältiger Geflügelrassen.
In Zeiten globaler Biodiversitätsverluste und industrieller Monokulturen kommt dem Erhalt
alter Geflügelrassen eine zentrale Bedeutung zu. Dieser privat aufgebaute Genpool benötigt
staatlichen Schutz, gezielte Förderung und eine Neubewertung seiner tatsächlichen
Bedeutung und seines Nutzens.
Bedeutung des Rassegeflügels für die Biodiversität
- Rassegeflügel stellt einen unersetzlichen Genpool dar, der Eigenschaften wie
Robustheit, Anpassungsfähigkeit, Fleischansatz und ursprüngliche Legeleistung
bewahrt. - Die genetische Vielfalt dieser Tiere ist ein strategischer Puffer gegen Krankheiten,
Klimaveränderungen und züchterische Engpässe. - Der Erhalt alter Rassen ist ein Beitrag zur nachhaltigen Landwirtschaft und zur
Sicherung zukünftiger Zuchtziele.
Private Initiative statt staatlicher Förderung
Die bestehende Genbank für Rassegeflügel wurde ohne staatliche Subventionen von
privaten Personen aufgebaut und wird ausschließlich privat finanziert und im Rahmen
der Rassegeflügelzucht betrieben.
Es existiert kein Bundessortenamt für Geflügel, keine zentrale Sammlung, keine Kryo-
Konservierung – anders als z. B. im Obst- und Pflanzenbereich.
Die Sicherung dieses Genpools liegt in der Hand engagierter Züchter, die ehrenamtlich
und ohne institutionelle oder rechtliche Rückendeckung agieren.
Anmerkung/Erläuterung/Hintergrund
Um die Nutzung obstgenetischer Ressourcen in Deutschland langfristig und effizient zu sichern und deren
Verfügbarkeit gewährleisten zu können, wurde 2007 die Deutsche Genbank Obst als ein
Genbanknetzwerk gegründet. Die Deutsche Genbank Obst besteht aus obstartenspezifischen
Erhaltungsnetzwerken und ist damit ein wesentliches Instrumentarium zur Erhaltung obstgenetischer
Ressourcen in Deutschland. Daneben gibt es eine Reihe anderer Maßnahmen der In-situ- und Ex-situ-
Erhaltung von Obstsorten im Rahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege.
https://www.deutsche-genbank-obst.de/
Die Deutsche Genbank Obst soll die Aktivitäten verschiedener Institutionen koordinieren, die sich für die
Erhaltung genetischer Ressourcen der Obstarten einsetzen.[4] Dabei sollen Obstsorten gesammelt und in
wissenschaftlicher, langfristig gesicherter, nachhaltiger und kosteneffizienter Weise erhalten werden.
Besonderes Augenmerk wird dabei auf deutsche Sorten inklusive Neuzüchtungen, auf Sorten mit
soziokulturellem, lokalem oder historischem Bezug zu Deutschland sowie Sorten mit für Forschungs- und
Züchtungszwecke wichtigen obstbaulichen Merkmalen gelegt. Der Echtheitsüberprüfung der Obstsorten
kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Diese erfolgt zum einen durch pomologische Begutachtung der
erhaltenen Sorten sowie durch molekulargenetische Analysen.
Ein weiteres Ziel der Deutschen Genbank Obst ist die Förderung der Nutzung der erhaltenen Obstsorten.
Dies soll durch die obstbauliche Prüfung und Charakterisierung, die bundesweite Inventarisierung und
Dokumentation sowie durch die Bereitstellung von Vermehrungsmaterial an Dritte erreicht werden. Die
Sortensammlung der Deutschen Genbank Obst besteht aus den Teilsammlungen der beteiligten
sammlungserhaltenden Netzwerkpartner. Sammlungshaltende Partner sind Bundes- und
Landeseinrichtungen, Landkreise, Kommunen aber auch Vereine und Einzelpersonen. Die Partner
verpflichten sich freiwillig dazu, ihre Sammlungen zu erhalten, zu evaluieren und zu dokumentieren sowie
Vermehrungsmaterial für Dritte bereitzustellen.
In vorstehendem Text lässt sich Obst 1:1 mit Geflügel (-rassen) ersetzen und es entsteht eine
nachvollziehbare Sinnhaftigkeit für den Aufbau einer Genbank Rassegeflügel.
Gefährdung durch staatliche Restriktionen
- Bei Ausbruch von Vogelgrippe oder Geflügelpest werden Bestände pauschal gekeult,
ohne Rücksicht auf genetische Seltenheit oder Erhaltungswert. - Es fehlt ein Notfallplan, ein „Backup-System“ oder eine Ausnahmeregelung nicht nur
für bedrohte Rassen, für den Genpool „Rassegeflügel“ generell. - Diese Vorgehensweise ist kontraproduktiv, unverständlich und gefährdet den
Fortbestand wertvoller genetischer Ressourcen.
Forderungen an Politik und Fachinstitutionen
- Einrichtung eines Bundessortenamts für Geflügel oder einer vergleichbaren Institution
zur Erfassung, Sicherung und Förderung alter Rassen. - Aufbau einer nationalen Genbank für Rassegeflügel mit Kryo-Konservierung, digitaler
Erfassung und Notfallstrategien. - Anerkennung privater Zuchtinitiativen als Partner im Erhalt genetischer Vielfalt – mit
rechtlicher Absicherung und finanzieller Unterstützung. - Entwicklung eines Seuchenschutzkonzepts, das den Erhalt nicht nur gefährdeter Arten
u. Rassen, sondern Rassegeflügel generell, berücksichtigt und nicht pauschal liquidiert. - Vorbereitung von staatlichen Impfstrategien zum Schutz der Arten und Rassen im
Bereich Geflügel. Generelle Ringpflicht für Rassegeflügel (Fußringe) – geimpfte Tiere
lassen sich sofort selektieren und separieren.
Der Erhalt des Rassegeflügels ist kein nostalgisches Anliegen. Er ist eine zukunftsweisende
Aufgabe – eine Verpflichtung gegenüber unserer landwirtschaftlichen Geschichte, unserer
genetischen Vielfalt und unserer Verantwortung für kommende Generationen.
Wer Impfungen generell ablehnt, muss mehr tun, als nur Nischen zur Erhaltung zu benennen
– er muss sie aktiv schaffen. Und zwar mit staatlicher und bundesweiter Rechtssicherheit.
Denn was nützt ein Schutzgedanke, wenn er im föderalen Flickenteppich zerrieben wird?
Föderalismus ist an dieser Stelle – wie wir immer wieder erleben – die völlig falsche
Vorgehensweise. Unterschiedliche Auslegungen führen zu Unmut, zu Missverständnissen, zu
persönlichen Anschuldigungen. Das ist unschön. Und es ist vermeidbar – durch klare,
einheitliche Rechtslagen, die den Erhalt genetischer Ressourcen nicht dem Zufall überlassen.
Wer Biodiversität ernst nimmt, muss auch die genetischen Ressourcen im Bereich Geflügel
schützen. Es ist höchste Zeit, dass Politik und Gesellschaft diesen Genfundus erkennen –
diesen Schatz, der wie beim Obst längst als erhaltenswert gilt.
Und ja, es drängt sich die Frage auf: „Pflanzenschutz“ und „Tierschutz“ – warum nicht auf
einer Stufe? Die politisch Verantwortlichen könnten es beantworten. Vielleicht. Aber wir – als
Züchter, als Fachleute, als Gesellschaft – sollten es einfordern.
Die Verantwortung der Veterinärbehörden im Seuchenfall ist nachvollziehbar. Präventive
Maßnahmen wie Ausstellungsverbote oder Keulungen können im Sinne des Seuchenschutzes
gerechtfertigt sein. Doch Verantwortung endet nicht bei der Gefahrenabwehr – sie beginnt
dort erst richtig, wenn es um den Erhalt genetischer Vielfalt geht.
Die Sicherung eines Genpools und der Biodiversität im Nutzgeflügelbereich ist eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zuchtverbände, Veterinärämter und staatliche Stellen
müssen sich dieser Herausforderung gemeinsam stellen. Es braucht lösungsorientierte
Ansätze, die den Schutz der Tiere mit dem Erhalt wertvoller Rassen verbinden.
Wenn Ausstellungen nicht möglich sind, müssen praktikable Alternativen geschaffen werden:
Bewertungen in kleineren Stückzahlen, dezentrale Präsentationen, genetische
Dokumentation. Denn ein Verbot mag kurzfristig sinnvoll erscheinen – doch ohne Alternativen
wird aus Schutz Vernichtung. Wer tötet, rottet aus. Wer ausrottet, vernichtet. Das darf nicht
die Antwort auf den Erhalt eines jahrzehntelang gepflegten Genpools sein.
Es ist Zeit, dass wir Verantwortung ganzheitlich denken – nicht nur für die
Seuchenbekämpfung mit ihrem Apokalyptischen Ende, sondern auch für die genetische
Zukunft unserer Nutztiere.
Wir möchten keine verhärteten Fronten aufbauen. Es geht nicht um Schuldzuweisungen,
sondern um Lösungen. Um praktikable, tragfähige Ansätze, die den Fortbestand unseres
Rassegeflügels sichern – als lebendiges Kulturgut, als genetischer Schatz, letztendlich als
Grundlage für eine vielfältige und zukunftsfähige Nutzgeflügelzucht.
Rückschläge gehören im Aufbau dazu. Sie sind Teil jeder verantwortungsvollen Entwicklung.
Aber sie dürfen uns nicht entmutigen. Vielmehr müssen sie uns motivieren, gemeinsam
weiterzugehen – mit Respekt, mit Offenheit, mit dem klaren Ziel vor Augen: die Biodiversität
zu erhalten und den Genpool zu schützen.
Wir stehen an einem Punkt, an dem es nicht um Einzelinteressen gehen darf. Was wir
brauchen, ist eine Phase des Miteinanders. Ein Ziehen an einem Strang – ohne Vorbehalte,
ohne Vorwürfe. Denn der Erhalt unseres Rassegeflügels gelingt nicht durch Konfrontation,
sondern durch Kooperation. Zuchtverbände, Behörden, Wissenschaft und Politik müssen sich
gemeinsam dem Erhalt widmen. Es braucht einen gewollten Synergieeffekt, eine echte
Symbiose zwischen den staatlich verantwortlichen Stellen und den privaten Zuchtverbänden
– so wie zwischen Bitterlingen und Teichmuscheln: ein perfektes Beispiel für eine gegenseitig
vorteilhafte Beziehung, in der beide Seiten voneinander profitieren und gemeinsam
überleben.
Diese Art der Zusammenarbeit ist kein Idealbild – sie ist eine Notwendigkeit. Denn nur
gemeinsam können wir dieses Kulturgut bewahren. Nur gemeinsam können wir die genetische
Vielfalt sichern, die unsere Rassegeflügelzucht und resultierend die Nutzgeflügelzucht
zukunftsfähig macht.
Darstellung nach innen und außen
Rassegeflügel ist weit mehr als ein nostalgisches Hobby – es ist ein lebendiges Archiv
unserer agrarischen Kulturgeschichte und eine genetische Ressource von
unschätzbarem Wert. Als „Genbank der Nutzgeflügelzucht“ erfüllt es eine zentrale
Aufgabe: den Erhalt und die Weitergabe ursprünglicher, robuster und vielfältiger
Geflügelrassen. Alte Rassen tragen einzigartige genetische Merkmale, die in der
modernen Hochleistungszucht oft verloren gehen. Sie sind widerstandsfähiger,
anpassungsfähiger und bieten Potenzial für zukünftige Zuchtziele. Jede Rasse erzählt
eine Geschichte – von regionaler Landwirtschaft, bäuerlicher Tradition und
züchterischem Können. Ihr Fortbestand ist gelebter Denkmalschutz. In Zeiten von
Klimawandel und Krankheitsdruck sind genetisch vielfältige Populationen ein
strategischer Vorteil für die Landwirtschaft.
Weg von Medaillen – hin zur Mission:
Die Zucht darf sich nicht in Schauwert und Pokaljagd verlieren. Der wahre Auftrag liegt
im Erhalt gesunder, vitaler Tiere nach den ursprünglichen Rassemerkmalen. Jede
Zuchtentscheidung sollte diesem Ziel dienen – nicht allein dem Glanz der
Ausstellungsbühne. Körungen ja, aber auf den der Zucht, also den Erhalt unserer
Rassen gerichtet – und nicht auf privaten Glanz und Gloria. Alte Rassen sind lebendige
Zeugnisse regionaler Geschichte, bäuerlicher Tradition und züchterischer Vielfalt. Ihr
Erhalt ist ein Beitrag zur Biodiversität und zur Resilienz unserer Landwirtschaft.
Gesunde, vitale Tiere, die den ursprünglichen Rassemerkmalen entsprechen, sind das
Fundament nachhaltiger Zucht. Schönheit allein darf nicht über Gesundheit und
Funktionalität triumphieren – zuchtlenkende, arterhaltende Körungen bedürfen der
staatlichen Erlaubnis und einer amtlich freigegebenen Umsetzung.
Medaillen und Pokale mögen Ansporn sein – aber sie dürfen nie das Ziel überdecken.
Die Zucht muss sich an ethischen, ökologischen und genetischen Maßstäben
orientieren.
Wenn wir den Fokus verlieren und nur noch auf Schauwert und Wettbewerb setzen,
öffnen wir Tür und Tor für Kritik – sei es von Tierschutzorganisationen, Wissenschaft
oder Öffentlichkeit. Eine Zucht, die sich auf ihre Kernwerte besinnt, ist dagegen
unangreifbar und zukunftsfähig.
Plädoyer für neue Wege in der Rassegeflügelzucht
Auch bei vorgestelltem Kontext sind und bleiben Körungen ein essenzieller Bestandteil der
Tierzucht – und damit auch für unser Rassegeflügel von zentraler Bedeutung. Sie dienen nicht
nur der objektiven Beurteilung von Zuchtwerten, sondern sind zugleich ein unverzichtbares
Instrument zur Erhaltung rassetypischer Merkmale und zur Förderung genetischer Vielfalt.
Gerade in Zeiten, in denen Großveranstaltungen durch gesetzliche Vorgaben,
seuchenrechtliche Einschränkungen und organisatorische Hürden zunehmend erschwert
oder gar unmöglich gemacht werden, braucht es neue, tragfähige Wege, um die Durchführung
solcher Körungen weiterhin zu gewährleisten.
Ein möglicher Ansatz wäre, die nationale Körung einzelner Rassen in kleinerem Rahmen
abzuhalten oder gezielt an kleinere Veranstaltungen anzugliedern. Dadurch ließe sich der Druck,
der durch die Masse an Tieren bei großen Schauen entsteht, deutlich reduzieren. Dabei geht es
keineswegs darum, die etablierten Austragungsorte wie Leipzig, Erfurt oder Hannover (jetzt Bad
Salzuflen) in irgendeiner Weise zu schmälern – im Gegenteil: Das Engagement an diesen
Standorten ist unbeschreiblich hoch und verdient größte Anerkennung. Vielmehr geht es darum,
ergänzende Lösungsansätze zu finden und neue Wege zu gehen, um die Zukunft der
Rassegeflügelzucht nachhaltig zu sichern.
Regionale Körveranstaltungen und rasse- oder artenbezogene Körtage auf nationaler
Grundlage, könnten hier wertvolle Beiträge leisten. Auch eine stärkere Einbindung lokaler
Zuchtvereine als Gastgeber solcher Veranstaltungen wäre denkbar und würde die Last auf
mehrere Schultern verteilen.
Die vermeintliche Alternative „Schau abgesagt“ oder „Schau fällt aus“ ist in Wahrheit keine
Alternative – sie ist ein vernichtendes Urteil für die züchterischen Leistungen vieler engagierter
Züchterinnen und Züchter. Jahr für Jahr wird mit großem Einsatz und Sachverstand an der
Erhaltung alter, heimischer Geflügelrassen gearbeitet. Diese Arbeit verdient Anerkennung und
Würdigung – nicht Absagen und Stillstand.
Es braucht Orte, an denen Körungen möglich sind – frei von überzogenen staatlichen
Restriktionen, aber mit dem festen Willen, nicht nur unser gemeinsames Hobby, sondern das
Kulturgut „Rassegeflügelzucht“ zu bewahren und zukunftsfähig zu gestalten. Denn was von
den Züchterinnen und Züchtern geleistet wird, ist mehr als Freizeitbeschäftigung: Es ist ein aktiver
Beitrag zum Erhalt biologischer Vielfalt, kultureller Identität und lebendiger Tradition.
Warum sollte es nicht auch möglich sein, in Musterhausen – oder einem vergleichbaren Ort – eine
Deutsche Meisterschaft in einer oder mehreren Rassen auszutragen? Ich höre förmlich die
lautstarken Dementis, doch ist es nach Leipzig nicht ebenso weit wie nach Musterhausen?
Könnten dort nicht dieselben Preisrichterinnen und Preisrichter sowie Obmänner und -frauen ihre
Bewertungen durchführen wie in Erfurt? Die fachliche Kompetenz ist schließlich nicht an einen
Messeort gebunden.
Vielleicht ließe sich sogar ein geringeres Standgeld als etwa in Hannover realisieren. Und
womöglich würden Züchterinnen und Züchter ihre Tiere lieber in einem – ich möchte es einmal
„familiäreren“ Rahmen nennen – vorstellen, als sich dem Trubel eines großen Messezentrums
auszusetzen. Am Ende handelt es sich doch um dieselben Tiere, die auch bei einer
Großveranstaltung präsentiert würden. Die Qualität und die Würdigung der Zucht stehen
nicht im direkten Verhältnis zur Größe des Austragungsortes.
Ein solcher Rahmen könnte nicht nur den Tieren und den Züchterinnen und Züchtern
zugutekommen, sondern auch dem austragenden Verein. Der Anreiz für Besucher, einmal die
„German-Champions-Chips“ einer bestimmten Rasse zu sehen, wäre hoch. Gleichzeitig würde
die öffentliche Präsenz im lokalen Umfeld gestärkt – ein Gewinn für die Rassegeflügelzucht und
für das Vereinsleben gleichermaßen.
Gerne dürfen Alternativen gedacht und benannt werden. Wir sind gut beraten, jeden Vorschlag
gründlich zu prüfen und offen zu diskutieren. Das bloße Aussitzen von Problemen haben wir
über zwei Jahrzehnte hinweg praktiziert – mit dem Ergebnis, dass wir heute vor denselben
Herausforderungen stehen wie damals: Verbote, Auflagen und die Absage von Schauen. Es
ist höchste Zeit, dass wir lernen, mit der Herausforderung „Vogelgrippe“ nicht nur in der Haltung,
sondern auch im Ausstellungswesen aktiv und verantwortungsvoll umzugehen.
Es ist an der Zeit, sich zu öffnen – Gedanken zu teilen, Ideen zu bündeln und zukunftsträchtige
Visionen in den Alltag zu integrieren. Was gemeinsam gedacht und entwickelt wird, kann zu
tragfähigen Programmen und umsetzbaren Projekten heranwachsen. Der Rückzug ins stille
Kämmerchen, begleitet von Resignation, Frust und Schmollen, hat uns über zwanzig Jahre lang
begleitet – und uns nicht weitergebracht.
Jetzt gilt es, agil zu handeln, Herausforderungen aktiv anzunehmen und nicht erst Wochen
später mit überholten Informationen zu reagieren. Wir dürfen nicht an unserer eigenen
„Aristokratie“ zerbrechen – an Stagnation, an starren Strukturen, eingefahrenen Denkmustern
und dem Beharren auf alten Wegen. Ein solches Scheitern wäre fatal.
Was wir brauchen, ist der Mut zur Veränderung, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und der
Wille, unsere Leidenschaft für die Rassegeflügelzucht in eine lebendige, zukunftsfähige
Bewegung zu verwandeln. Denn nur gemeinsam können wir das bewahren, was uns am Herzen
liegt – und es für kommende Generationen sichern.
Weitere Gedanken zur Rassegeflügelzucht
Es wäre müßig, alle Bereiche aufzuzählen, in denen die Rassegeflügelzucht hinterherhinkt –
von A wie Akzeptanz schaffen bis Z wie Zuchten sichern. Doch eines ist offensichtlich: Wir
brauchen Veränderung. Und wir brauchen sie jetzt.
Allzu oft erleben wir, dass Ehrenämter mit passiver Stille verwaltet werden. Doch aktive
Profilierung ist nicht mit echtem Engagement für die Sache zu verwechseln – das ist meine
persönliche Meinung! Was wir brauchen, ist eine operative Runde: ein Gremium, das
regelmäßig, informell und vor allem schnell mit der Basis kommuniziert. Keine veralteten
Mitteilungen in Fachorganen oder auf Homepages – sondern ein lebendiger Austausch, der
handeln kann und handeln darf, wenn es nötig ist. Wenn Gespräche mit verantwortlichen
Institutionen/Ämtern/Gremien geführt werden, dann darf man Ergebnisse erwarten, positive
wie negative, ob die Gespräche freundlich geführt wurden, nun ja, aber es ist nicht die
Priorisierung für unsere Anliegen.
Ein solches Gremium muss Prioritäten erkennen – und sie auch setzen. Nicht erst im
Nachgang, wenn Schadensbegrenzung betrieben wird und Gemüter beruhigt werden müssen.
Es braucht zielgerichtete Handlungen, konkrete Vorgehensweisen, klare Bestimmungen und
juristisch belastbare Entscheidungen – und das zeitnah. Dass diese Aufgaben von fachlich
versierten Personen übernommen werden sollten, versteht sich von selbst. Und diese
Expertise – die haben wir. In unseren Reihen. In unserer Organisation.
Ja, es wird Unmut und Widerstand auslösen. Und dennoch: Wir sollten uns klar und deutlich
für die Priorisierung des Erhalts genetischer Vielfalt und traditioneller Rassen aussprechen –
und gegen eine rein auf Prestige und Ausstellungsprämien ausgerichtete Zuchtpraxis. Zum
Erhalt sind Körungen unerlässlich, in welchem Größenrahmen und in welcher Preisflut wir
diese durchführen, obliegt unserer Verantwortung.
Die Zeiten haben sich geändert – und sie werden sich weiter ändern. Wer nicht mit der Zeit
geht, der geht mit der Zeit. Ein solcher Standpunkt beweist nicht nur Rückgrat, sondern auch
Verantwortung gegenüber der Geschichte und Zukunft unserer Arten und Rassen.
Welchen Tierschutz praktizieren wir eigentlich, wenn wir vehement und dauerhaft die
Durchführung von Präsentationen und Ausstellungen fordern – selbst unter Bedingungen, die
die kaum noch zu stemmen sind? Welches Signal senden wir damit nach außen? Welchen
Eindruck vermitteln wir der Öffentlichkeit, wenn das Wohl unserer Tiere hinter Pokalen,
Wimpeln und Prestige zurücksteht?
Wenn wir den Fokus verlieren und nur noch auf Schauwert und Wettbewerb setzen, öffnen
wir Tür und Tor für Kritik – sei es von Tierschutzorganisationen, von der Wissenschaft oder von
der Öffentlichkeit. Und diese Kritik wäre berechtigt. Denn eine Zucht, die sich auf ihre
Kernwerte besinnt – auf Erhalt, auf Fürsorge, auf Verantwortung – ist unangreifbar. Und sie ist
zukunftsfähig. Wir müssen uns fragen: Was ist unser Ziel? Wollen wir glänzen – oder
bewahren? Wollen wir beeindrucken – oder schützen?
Lasst uns den Tierschutz nicht als Pflicht verstehen, sondern als Haltung. Als Grundsatz, der
unser Handeln leitet. Denn nur so bleibt unsere Zucht glaubwürdig, respektiert und
gesellschaftlich tragfähig.
Jedes unserer Tiere ist ein limitiertes Sonderstück – nicht reproduzierbar, nicht ersetzbar. Es
trägt die Geschichte seiner Art, seiner Rasse in sich und verdient unseren Schutz, unsere
Achtung und unsere Verantwortung.
Verantwortung übernehmen – für die Tiere und für die Zukunft der Rassegeflügelzucht.
Paul-Erwin Oswald